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Wie aus Anpassung irgendwann Persönlichkeit wird

vor 11 Minuten
2 Min. Lesezeit

Manche Eigenschaften begleiten uns so lange, dass wir kaum auf die Idee kommen, sie infrage zu stellen. Wir sind eben vernünftig. Unkompliziert. Leistungsorientiert. Hilfsbereit. Unabhängig. Wir brauchen nicht viel, kommen allein zurecht oder sind diejenigen, auf die man sich immer verlassen kann.


Irgendwann wird aus einer Beschreibung ein Satz über die eigene Identität:


So bin ich.


Mich interessiert, was vor diesem Satz passiert ist.


Denn wir entwickeln uns von Beginn an in Beziehung zu anderen Menschen. Wir beobachten, wie auf uns reagiert wird. Wir erleben, welches Verhalten Nähe schafft, womit wir Anerkennung bekommen und an welchen Stellen Konflikte entstehen. Daraus lernen wir etwas über die Welt und gleichzeitig etwas darüber, wie wir uns in ihr bewegen können.

Ein Kind, das früh viel Verantwortung übernimmt, kann darin sehr selbstständig werden. Wer erlebt, dass die eigenen Bedürfnisse häufig zu Konflikten führen, lernt womöglich, mit wenig auszukommen. Wer vor allem für Leistung Anerkennung bekommt, entwickelt einen hohen Anspruch an sich selbst.

Solche Entwicklungen haben eine Geschichte. Und häufig waren sie einmal ausgesprochen hilfreich.

Schwierig wird es erst, wenn wir Jahre später nicht mehr erkennen, dass das, was wir heute als Persönlichkeit beschreiben, auch aus Erfahrungen entstanden ist.

Dann fühlt sich Selbstständigkeit nicht mehr wie etwas an, das wir gelernt haben. Sie gehört zu uns. Wir bitten nicht um Hilfe, weil wir eben jemand sind, der Dinge allein löst. Wir vermeiden Konflikte, weil wir uns für einen harmonischen Menschen halten. Wir übernehmen Verantwortung, weil Zuverlässigkeit ein wichtiger Teil unseres Selbstbildes geworden ist.


Mit der Zeit wird es immer schwieriger zu erkennen, wo eine Fähigkeit endet und eine Anpassung beginnt.

Gerade Eigenschaften, für die wir Anerkennung bekommen, hinterfragen wir selten. Wer möchte schon an etwas rütteln, das im eigenen Leben gut funktioniert und von anderen geschätzt wird?


Manchmal beginnt diese Frage erst dann, wenn das bisherige Verhalten anstrengend wird.

Die zuverlässige Person möchte nicht mehr für alles verantwortlich sein. Der unabhängige Mensch wünscht sich plötzlich jemanden, an den er sich anlehnen kann. Wer jahrelang Konflikte vermieden hat, merkt, wie viel Unausgesprochenes sich angesammelt hat.

Das kann irritieren, weil der neue Wunsch nicht zum vertrauten Bild von uns selbst passt.

Aus Sicht der Inneren Architektur entsteht genau hier ein spannender Moment.

Unsere Identität ist nicht unabhängig von unserer Geschichte entstanden. Sie trägt Erfahrungen in sich, Beziehungen, Reaktionen anderer Menschen und die Wege, die wir gefunden haben, um mit unserer Umwelt umzugehen. Manche davon begleiten uns so lange, dass wir sie kaum noch als Entwicklung wahrnehmen.

Die Frage, wer wir sind, lässt sich deshalb für mich nur schwer von der Frage trennen, wie wir geworden sind.


Das bedeutet nicht, jede Eigenschaft auf ihre Vergangenheit zurückzuführen oder hinter jedem Verhalten eine Anpassung zu vermuten.

Es lädt dazu ein, genauer hinzusehen, wenn ein vertrauter Satz wie „So bin ich eben“ plötzlich eng wird.


Was davon gehört heute noch zu mir? Was war einmal hilfreich? Was möchte ich behalten? Und wo erlaube ich mir inzwischen etwas, das früher keinen Platz hatte?


Persönliche Entwicklung muss dabei nicht bedeuten, ein anderer Mensch zu werden.

Manchmal beginnt sie damit, zu erkennen, dass wir mehr sind als die Version von uns, die wir über Jahre kennengelernt haben.

 
 
 

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